Andersartige Texte lesen

Der „versteckte“ Stress

Unterforderung macht deprissiv.
Bild: Pixabay/Davidqr - Zum Haare raufen

Es gibt eine Art von Stress, den ich als „versteckten Stress“ bezeichne. Bemerkbar machte er sich erst durch Depressionen. Vielleicht verfüge ich nicht über eine medizinische Ausbildung, um sagen zu können, dass es sich um eine Art von „Stress“ handelt und dementsprechend „Depressionen“ Symptome sind. Allerdings bin ich reflektiert und sprachgewandt genug, um ein auf Dauer vorhandenes Unbehagen in mir, so beschreiben zu können, dass ein Leser Verständnis erlangt, das Verstandene auf sich selbst beziehen kann und letztlich ihm weitergeholfen wird. Der „versteckte Stress„ verbarg sich bei mir auf meiner Arbeit. Jeder Mensch hat sein eigenes Wesen. Leider gehöre ich zu der Wesensart Mensch, die nur gut funktioniert, wenn man einen Arschtritt bekommt. Deshalb lief meine Arbeit als Integrationslehrer ganz gut, da ich selbst nochmals die deutsche Sprache erlernen musste, um sie gut vermitteln zu können. Meinen Teilnehmern erzählte ich, dass ich kein Lehrer bin, sondern Verkäufer. Erst schauten sie ein bisschen stutzig. Als ich ihnen dann sagte, dass ein guter Verkäufer sein Produkt stets gut kennt und immer Nachforschungen bestrebt, um das Produkt noch besser kennen zu lernen, - wobei in diesem Fall das Produkt „die deutsche Sprache“ ist - feierten sie mich. Sie fanden es gut, dass ich ihnen als Verkäufer gegenüberstand, anstatt als Lehrer. Mir bereitete es viel Freude, die deutsche Sprache zu verkaufen und vor allem war es jeden Tag eine Herausforderung. Langweilig war mir als Integrationslehrer nie. Da ich diesen Job gut machte, bekam ich die Chance einen B2-Kurs zu leiten und den Unterricht zu führen. Das war für mich nochmals eine Herausforderung. Alle Teilnehmer, die mir gegenübersaßen, hatten schon ein B1-Zertifikat und mussten nun berufsvorbereitend und erweitert die deutsche Sprache erlernen. Ich arbeitete (bzw. studierte) viel zuhause nebenbei, damit ich selbst das verstehen konnte, was ich zu vermitteln hatte. Den Nominativ, den Genitiv, den Dativ und den Akkusativ im ganzen Zusammenhang, versuchte ich mir selbst zu verinnerlichen. Das heißt für die vier Fälle konkret: Anpassung der bestimmten und unbestimmten Artikel, Anpassung der Reflexivpronomen, Anpassung der Personalpronomen, Anpassung der Possessivartikel und dementsprechende Adjektivanpassung; sei es bestimmt durch eine Präposition, ein Verb oder auch eine Fallobjektsetzung. Die Konjunktive verwende ich zwar tagtäglich selbst beim Sprechen und Schreiben, konnte mir aber ihre grammatischen Bedingungen nicht rekonstruieren und vor allem, anderen Menschen vermitteln, was für mich hieß, den Konjunktiv 1 und 2 genauer anzuschauen. Für den Konjunktiv 1 möchte ich mal ein Beispiel demonstrieren. Es geht dabei sowohl um die Verben „gehen“ und „sagen“ in der dritten Person Singular als auch die Zeitformen, die für den Konjunktiv 1 bestimmt sind und auch in der indirekten Rede genutzt werden müssen.

Grammatik
(Bildquelle: https://deutsch.lingolia.com/de/grammatik/verben/konjunktiv/konjunktiv-1)

Hinzu kamen noch weitere Regeln, die ich auch nicht einfach rekonstruieren konnte, wie z.B. den Zustands- und Vorgangspassiv in den verschiedenen Zeitformen. Das Beispiel, das ich hier gleich darstellen werde, zeigt schon, dass die Sprache eine gewisse Komplexität mit sich nimmt.

Beispiel: lieben - liebte - geliebt (schwaches Verb)

Passiv Passiv Passiv
Quelle: http://www.udoklinger.de/Deutsch/Grammatik/Aktiv-Passiv.html

Somit denke ich, wurde erst mal ein Bild geschaffen, das zeigt wie vielschichtig der Beruf als Integrationslehrer ist. Speziell, wenn man als Quereinsteiger dieses Segment betritt. Nichtsdestotrotz hat der Beruf relativ Spaß gemacht. Unbeachtlich ist auch nicht der Erfahrungshorizont, den ich dadurch erlangte, sei es der Umgang mit der Sprache, die Sicherstellung der grammatischen Gegebenheiten beim Schreiben oder die selbstsichere Performanz vor einer Gruppe von Leuten.

Das alles kann sehr stressig gesehen werden und das war es auch für mich. Ich musste jeden Tag insgesamt 90 Minuten hin- und zurückfahren und 20 jungen Menschen, die überwiegend aus dem Nahen Osten kamen und somit andere Normen und Werte hatten, gegenüberstehen. Nachdem der Kurs vorbei war, war meine Zulassung als Integrationslehrer abgelaufen. Weil ich nun einen Vertrag habe, der noch bis zum Ende des Jahres läuft, muss ich irgendwie innerhalb der Bildungsstätte tätig sein. Die Stätte, bei der ich arbeite, gewinnt Maßnahmen für sich, bei denen Teilnehmer hingeschickt werden und berufsbezogene Förderung erhalten. Offiziell wird es so bezeichnet. Inoffiziell jedoch, heißt es nichts Weiteres, als dass die Teilnehmer nur irgendwie beschäftigt werden sollen, damit sie nicht in der Arbeitslosenstatistik aufgenommen werden. In solch einer Maßnahme arbeite ich derzeit. Analphabeten und Menschen mit schlechten Sprachkenntnissen sind überwiegend in solchen Maßnahmen. Verglichen mit der Arbeit als Integrationslehrer, ist diese Arbeit eigentlich eher stressfreier und weniger anspruchsvoll.

Genau das ist der springende Punkt. Ich kam vom „offensichtlichen Stress“ in den „versteckten Stress“. Durch Unterforderung bin ich ziemlich gestresst. Das mag sich komisch anhören, bzw. mag das komisch zu lesen sein, doch in der Tat ist das sehr stressig, zumal in den berufsbezogenen Fördermaßnahmen kein Programm verankert ist, der eine Progression zeigen soll. In anderen Worten, die Leute sollen einfach nur beschäftigt werden und nicht zuhause sitzen.

Der „versteckte Stress“ ist von energetischer Natur geprägt. Die Leute haben absolut keine Lust jeden Tag dahinzukommen. Sie sind quasi gezwungen dahinzukommen, da sie sonst keine Leistungen bzw. Gelder vom Jobcenter erhalten. Man könnte ihnen heute eine Schreibaufgabe geben und eine Woche später nochmal dieselbe. Ihnen würde nicht auffallen, dass sie diese Aufgabe eine Woche zuvor gemacht hatten und nur in den Unterlagen schauen müssten, um die Lösungen rauszusuchen. Für eine Lehrkraft, die wirklich will, dass ihre „Schüler“ sich entwickeln und etwas aus sich machen, ist das der reinste Horror. Jeden Tag Inhalte darstellen und nicht gesehen werden. Jeden Tag reden und nicht gehört werden. Jeden Tag zur Arbeit gehen und sich nicht wertvoll fühlen. Das alles - würde ich sagen - ist noch schlimmer, als Druck bei der Arbeit zu haben. Wenn man Arbeitsdruck hat, dann auch nur, weil der Arbeitgeber den Arbeiter in vollem Umfang braucht.

Dass die Kollegen Untereinander auch keine gute Kommunikation pflegen ist daher nicht wirklich verwunderlich. Die Gesprächskultur, die die Kollegen untereinander haben, hat genauso wenig Qualität wie der Unterricht und die Inhaltsaufnahme der Teilnehmer. Ein wahrer Platz der Trauer. Eine Unterwelt. Der Stress ist nicht zu erkennen. Migräne und Kopfschmerzen kamen unter den Mitarbeitern sehr oft vor. Unerklärlicherweise fragen sie sich nicht mal, wieso sie eigentlich so viele Kopfschmerzen haben bzw. ob diese von ihrer Arbeit kommen. „Bist du gestresst?“ – „Nein, wahrscheinlich habe ich nur wenig geschlafen oder getrunken“. Der Stress, den sie und ich haben, ist versteckt. Mit sensiblen geistigen Antennen nehme ich oft Energien wahr, die nicht unbedingt positiv gesinnt sind. Gezwungenermaßen sitzen die Leute vor mir und werden mit Inhalten vollgestopft.

Sie geben diese „keine Lust“-Energie an die vor ihnen stehenden Personen weiter und diese nehmen sie unwissentlich auf wie ein Schwamm, egal wie sehr sie sich bemühen mit ihrer inhaltsvermittelnden Energie. Dadurch entsteht ein innerlicher Druck. Man sagt sich: „So kann es doch nicht weitergehen in meinem Leben“. Die Psyche des Menschen ist kein Kaugummi, den man kauen, ausspucken und immer wieder neu einnehmen kann. Es stresst definitiv, wenn man unterfordert ist oder zumindest ein Wesen hat, das nach Entwicklung und Entfaltung strebt, aber innerhalb seiner Arbeitsstrukturen keine Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeit für sich sieht. Zeitweilig wirkt sich das in Form von Kopfschmerzen und Übelkeit aus.

„Wie hast du das erkannt?“ – das könnte eine Frage sein, die man mir nach diesem ellenlangen Text stellen könnte. Mithilfe durch zwei Sachen wurde mir der „versteckte Stress“ klar.

1. Ich erkannte, dass ich eine Art von Krieg führe. Ein unsichtbarer Krieg mit mir selbst. „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi verhalf mir in einem Gedankenfeld zu kommen, welcher mir klarmachte, dass das einfach nicht mein Traumberuf ist.

Bewege dich nicht, wenn du keinen Vorteil siehst; setze deine Truppen nicht ein, wenn es nichts zu gewinnen gibt; kämpfe nicht, wenn die Lage nicht kritisch ist. Kein Herrscher sollte Truppen ins Feld schicken, nur um einer Laune nachzugeben; kein General sollte aus Verärgerung eine Schlacht beginnen. Zorn mag sich mit der Zeit in Freude verwandeln; auf Verärgerung mag Zufriedenheit folgen. Doch ein Königreich, das einmal zerstört wurde, kann nie wieder errichtet werden, und auch die Toten können nicht ins Leben zurückgeholt werden.

2. Schreiben tue ich schon seit längerer Zeit. Gefunden habe ich für mich das Segment des Online-Marketings, das ich als Chance sehe meine Schreibskills und meinen Bachelor in BWL im Einklang bringen zu können. Emsig recherchierte ich im Internet zu den Themen „SEO“, „Blog“ und „Schreiben“. Dabei stieß ich auf einen interessanten Blog http://schreibenwirkt.de. Die Artikel, die ich dort las, motivierten mich meinen eigenen Blog zu machen.

Meine Homepage stellte ich komplett um. Zuvor war es eine Seite, die mich als kabarettistischen Künstler und Sprachcoach zugleich darstellte. Nun habe ich einen Blog, auf dem ich meine Schreibkunst und –fertigkeit auswirken lassen kann. Weiterhin beschäftigte ich mich auch mit der Onlinepräsenz meines Blogs und der SEOs. Ärgerlich ist es schon, dass ich BWL studiert habe und das Themenfeld „Marketing“ durch Vertiefungen in sehr großen Umfang kennenlernte, aber überhaupt keine Tools für das Online-Marketing erworben habe. Also bin ich nun im ständigen Selbststudium im Bereich Online-Marketing.

Und siehe da: Ich fühle mich gut! Auf einmal geht es mir nicht mehr so schlecht. Ich sage mir nicht mehr: „So kann es doch nicht weitergehen in meinem Leben“, weil ich für mich weiß, wie es vorerst weitergehen wird in meinem Leben und habe somit größtenteils den „versteckten Stress“ bewältigt.

Gruß
Daniele Pecoraro