Andersartige Texte lesen

Kafka und Nutella

Kreatives Schreiben (Teil 6)

Kafka - Nutella
(Bild: Pixabay / Alexas_Fotos) Im Nutellaglas aufwachen? Traumhaft oder Horrorvorstellung?

Es geschehen manchmal Dinge, wofür man keine Erklärung hat. Wenn ich schreibe, ist es ein dauerhaftes „Auf und Ab“. Manchmal habe ich das Gefühl als wäre ich total nutzlos. Nutzlos für mich. Nicht nutzlos für die Gesellschaft. Warum sollte ich für sie denn von Nutzen sein?Ist sie denn für mich von Nutzen, mit ihrer Plastizität? Also wenn ich durch meine Existenz keine Nutzlosigkeit empfinden sollte, für wen ist sie dann gut? An erster Stelle für mich selbst.
Gefolgt davon, dass sie gut für meine Nächsten ist.In letzter Zeit stellt mich das Universum vor einer harten Probe. Manchmal werde ich durch meine engsten Mitmenschen gedemütigt. Dabei sind sie –in den meisten Fällen- durch ihre eigene Existenz gedemütigt worden, was sie wiederum auf mich projizieren. Mir das immer zu vergegenwärtigen, fällt mir aber nicht wirklich leicht. Zumal es auch nicht leicht ist, die Demütigung in mir, also die Demütigung durch mich selbst, für mich selbst zu verantworten.
Früher habe ich das mit Sport gut ausgleichen können. Vielleicht finde ich wieder fokussierter diesen Ausgleich.

Nun aber will ich mich einer Schreibübung widmen.
Beschreibe einen konkreten Raum, der eine große Bedeutung für dich hatte, und seine Atmosphäre aus der Erinnerung. Nutze dabei verschieden Kanäle sinnlicher Wahrnehmung.

Jeder Mensch hatte einen Raum für sich, dem er eine große Bedeutung beigemessen hatte. Ein solcher Raum, war für mich eine Flussbrücke, die nur einen zehnminütigen Fußweg von unserer familienbetriebenen Eisdiele entfernt war. Dort ging ich bei sonnigem Wetter mit meiner Mutter, meiner Großmutter, meinem Großvater oder auch mit meinem Großonkel zum Entenfüttern hin. Für uns war das immer ein schönes Erlebnis. Mit großer Freude durfte ich immer die Tüte halten, die voll mit Brot oder Brötchen war, welche wir nicht mehr aßen, weil sie zu trocken waren. Meistens gingen wir auf die Mitte des Brückendurchlasses zum Entenfüttern und selten am Flussufer. Da ich noch zu klein war, um mich auf dem Brückenrahmen lehnen zu können, warf ich durch den Abstand zwischen den einzelnen Rahmenträgern hindurch und sah mir an wie die Enten das trockene Brot aßen. An einem warmen, aber doch trüben Tag, sah ich einst von der Brücke aus, wie eine Ratte umherlief. „Tut sie den Enten etwas?“, fragte ich meine Oma. Sie antwortete: „Schau mal, da sind auch Schwäne. Ratten haben Angst vor denen.“

„Warum haben sie Angst?“

„Weil Schwäne sehr gefährlich sein können. Einmal sah ich, wie zwei Schwäne eine Ratte auseinandergerissen haben“.

„Wirklich?“

„Ja, wirklich“, antwortete sie.

Komisch war es für mich, als ich dann als Erwachsener mal an diesem Brückendurchlass stand. Es fühlte sich anders an, als ich noch ein Kind war. Damals wirkte das alles sehr Idyllisch auf mich. Vor allem gaben zu der Zeit die Trauerweiden, die dort standen, ein ganz anderes Flair. Man nennt sie Trauerweiden; für Trauer sorgten sie nicht, sondern eher für ein beruhigendes Gemüt und einen sanften Frühlingsduft.
Manchmal lachte ich über das Geschnatter der Enten. Als Kind sagte ich oft, dass es sich anhöre, wie Frauen, die anfangen zu meckern. Auch als Erwachsener sehe ich das nicht wirklich anders.
Und dann war da noch die Bank, die vor der Brücke und flussufernah stand. Die Bankbeine waren -sofern ich mich erinnern kann- aus Stahl. Die Sitzfläche und Rückenlehnen bestanden auch aus dünnen robusten Holzbalken, die angeschraubt waren. Es war ein schöner Ort. Wir redeten über Gott und die Welt. Ich fragte meine Mutter, warum mein Urgroßvater Raffele nicht mehr da sei. Somit sprachen wir erstmals über den Tod, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht. Wie komisch es ist, wenn man sich solche Erinnerungen hervorruft, denn mir fällt gerade ein, dass etwas seltsames passierte, als ich einmal am Ufer die Enten fütterte. Ich hielt einer Ente Brot hin und sie schnappte etwas weiter zu, dass sie mir so gesehen im Finger biss. War es aber wirklich ein Biss? Setzt ein „Beißen“ nicht voraus, das Zähne vorhanden sind? Ich erschrak und sagte, dass es wehtat. Wenn ich so darüber nachdenke, tat es eigentlich nicht wirklich weh. Es war viel mehr unangenehm. Jedoch war der Schock der eigentliche Schmerz.
Trotzdem fütterte ich die Enten weiter. Immer wieder war es interessant zu sehen, wie sie gegen die Strömung schwammen. Schon da wusste ich, dass ich mich eher einem entenähnlichen Verhalten näherte, als das eines Menschen, weil die meisten Menschen nicht gegen Strom schwimmen, sondern sich von ihm treiben lassen.

Ich dachte mir, mich mal wieder einer Schreibübung zu widmen. So habe ich vielleicht wieder ein bisschen Ablenkung von meinem Roman und kann mich ihm danach wieder besser widmen, da ich wieder eine kleine Schreibblockade habe.

Siedle deine Figur in einem winzigen Raum an: Was bedeutet es in einem Marmeladenglas, einer Nussschale, in einem Apfel oder einem Kosmetiktäschchen zu leben?

„Es geht dabei gar nicht darum, ob es möglich sein kann, in einem Käfer verwandelt zu werden. Es geht bei der Verwandlung eher darum, dass sich eine signifikante Person aus der Familie, die vorher das Standbein für das Unternehmen „Familie“ war, auf einmal zur nicht loswerdende Last des Unternehmens wird“, versuchte der Lehrer auf Cassia einzureden. Cassia war gerade 18 Jahre alt geworden und war mitten in ihrer Abiturzeit. Sie war sehr hübsch und hatte schon in der Kindheit das Verständnis einer Erwachsenen. Damals als sie noch nicht geboren war, hatte ihr Vater Krebs. Als er dann von seiner Frau die Neuigkeit mitbekam, dass sie Schwanger sei, wurde ihr Vater stärker und wollte unbedingt für seine Tochter weiterleben. Nachdem Cassia auf die Welt kam, war er vom Krebs geheilt. So entwickelte sie sich auch zu einem prächtigen Mädchen. Zu prächtig. So wie sie mit ihrer Schönheit Blicke an sich zog, so zog sie durch ihre besondere Geschicklichkeit und Gewandtheit intellektuelle Personen an. Sie bekam, wie jeder andere in ihrer Klasse auch, die Aufgabe von Franz Kafka „Die Verwandlung“ zu lesen und dazugehörig Schularbeiten zu erledigen. Mit ihrem kritischen Auge sah sie darin eine surreale Gegebenheit und sagte dem Lehrer, nachdem er sie aufforderte ein Statement zu Kafkas Werk zu geben, es sei ein schlechtes Buch. Kafka habe es nicht gut rübergebracht und es sei auch nicht greifbar, dass ein Mensch sich auf einmal in einem Käfer verwandle, einfach so, ohne irgendwie erklärt zu haben, wie er plötzlich so ein Rieseninsekt geworden sei. Die Reaktion des Lehrers war nicht belehrend für sie. ‚Ach, wie dumm die Lehrer sind. Über Nacht kann der Mensch nicht so eine Transformation bekommen, dass sich schlagartig sein Leben verändert’, dachte sich Cassia als sie zuhause war. ‚Was weiß schon dieser Kafka vom Leben? Wie lächerlich das ganze Gerede um ihn ist. Er wollte nicht mal, dass seine Werke veröffentlicht werden und soll heute eines der bedeutendsten Schriftsteller sein? Lächerlich!’. Am Abend nachdem sie wie immer sich die Zähne putze, überlegte sie noch, sich ihrer kleinen Sünde zu widmen. ‚Morgen früh werde ich ausschlafen und meine Schwester Jessica, wird bestimmt früher aufstehen als ich und den Rest der Nutella weglöffeln. Hmm, sollte ich sie jetzt vorher essen?’, fragte sie sich. ‚Ach, ich lass es dieses Mal darauf ankommen’.
Somit ging sie –nicht wie sonst allabendlich- ohne Nutella gelöffelt zu haben ins Bett.

‚Kafka’, spöttelte sie nochmals gedanklich. ‚Als ob der auch wüsste wie ein Käfer sich fühlt’.
Dieses innere Hohngelächter sollte ihr eine Lehre gewesen sein, denn dadurch machte sie im Umkehrschluss die Erfahrung auf einer Mikroebene den Alltag zu bestehen.
Der nächste Morgen sollte kein Standardprozess sein, da sie nicht wie gewohnt im Bett aufwachte, sondern auf einmal wo ganz anders, nämlich im Nutellaglas, in welchen sie am Vorabend noch Löffeln wollte. Es war vielleicht noch ein Drittel Nutella im Glas. Marienkäfergroß war der Körper von Cassia, als sie bemerkte, wo sie grad das Tageslicht erblickte, das leicht durch den oberen Teil des nicht beklebten Glases durchdrang. Sie bemerkte die cremige Masse unter ihrem Körper. Was einst ein Kindheitswunsch war, war nun der reinste Horror. „Wie komme ich so plötzlich hier rein?“, fragte sie sich. Bemüht versuchte sie aufzustehen, aber ihr gelang es nicht sofort in der süßen buttrigen Masse Halt zu finden. Für einen Moment versuchte sie Ruhe zu fassen und geistig für sich die Situation zusammenzufassen. Dann entschloss sie sich die Realität zu überprüfen, indem sie sich hinkniete, mit den Fingern in die Masse reindrückte und sich die Masse in den Mund schob. Es schmeckte zwar nach Nutella, aber viel intensiver, viel nussiger, viel süßer.

Das Kleinwerden bedeutet vielleicht ein Größerwerden der Sinne.
Sie roch auch dran und bemerkte, dass die Geruchsintensität auch deutlich stärker ist. ‚Wie komme ich bloß hier raus?’, fragte sich Cassia. Oft fragt sich der Mensch, wie er in seine missliche Lage reinkam, versuchte dann zu überprüfen wie schlimm die Lage ist und wenn ihm nicht gefällt, was er sieht, will er sofort raus, aus der ungemütlichen Zone, obwohl er selbst sich da rein manövriert hat. Nachdem Cassia ein paar Tränen der Verzweiflung goss, spazierte sie ein bisschen in der Nutella rum. Dann fasste sie sich und ging zur Glaswand, wo die Reste klebten. Entschlossen sagte sie sich selbst, dass sie raus klettern werde, und griff in die hartgewordenen Reste und fing an zu klettern. Sie bemerkte, als sie hoch genug geklettert war, dass das Glas an der Öffnung abgerundet, aber vor allem durch den Deckel verschlossen war. Die Verzweiflung und der Wille auszubrechen lähmten ihren Geist so sehr, dass sie nicht mehr in der Lage war, logisch zu denken bevor sie einen Entschluss zog. Sie wollte so sehr daraus, dass sie nicht mehr daran denken konnte, wie sie überhaupt rauskommen soll. Dadurch, dass sie einsah vorerst da festzusitzen, wurde sie schwächer und konnte sich kaum noch an den Resten festhalten, was sie letztlich zu stürzen brachte. Weich und unversehrt landete sie wieder auf die süße cremige Nusspaste. Aufstehen war ihr nicht zumute. Sie blieb liegen und weinte. Dabei griff sie ab und zu in die Nutella und schob sich sie in den Mund. ‚Dann werde ich eben so viel Nutella essen, bis ich ersticke’, dachte sich Cassia. Entrissen wurde sie aus der Selbstkasteiung, als sie merkte, dass das Glas sich bewegte. Das Glas wurde in einer senkrechten Lage bewegt, wodurch Cassia sich nicht halten konnte und bis zur Glaswand rollte. Sie sah wie der Deckel aufgedreht und mit plötzlich starkem Lichteinsturz begleitet wurde. Mit zugekniffenen Augen konnte sie sehen wie ein kleiner Löffel, der für sie überdimensional groß war, ins Glas reinkam und die Masse rausgelöffelt wird. Ebenfalls wurde Cassia erfasst, durch den Sog des Löffels. Alles lief ganz schnell. Sie sah, dass es ihre Schwester Jessica war, die in die Nutella löffelte. Cassia sah ihrem Schicksal ins Auge. In diesem Moment wusste sie, was Kafka vermitteln wollte; was es heißt, sowohl bedeutend zu sein und unerwartet und unvorhergesehen wahrlich machtlos zu werden, als auch jäh in jeder Hinsicht von der Schwester verschlugen zu werden. In ihrem Mund musste sie es ertragen, wie die Nutella auf der Zunge zergeht. Was für sie immer ein Gaumenschmaus war, war nun ihr Tod.

Sie machte ihre Augen auf und bemerkte, dass sie sich in ihrem Zimmer aufhielt. Es war nur ein Traum, der sich sehr real anfühlte. ‚Musste ich erst klein wie ein Käfer werden, um Kafka zu verstehen?’, fragte sie sich und resignierte in ihrem jugendlichen intellektuellen Übermut.