Andersartige Texte lesen

Kreatives Schreiben (Teil 2)

Kreativ schreiben mit Musik
Bild: Pixabay / Stevens21 - Musik kann zum Schreiben anregen

(Entnommen aus meinen täglichen Schriften)


Einen Film über Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sah ich mir vorhin an. Hierzu möchte ich gern etwas sagen (schreiben):

Gegen jede Art von „-ismus“ bin ich. Kapitalismus. Kommunismus. Marxismus. Islamismus. Zionismus. Nationalismus. Patriotismus. Amerikanismus. Faschismus. Antifaschismus. Futurismus. Transzendentalismus. Theismus. Atheismus und „so weiterismus“. Doch der Existenzialismus -das schrieb ich, soweit ich noch weiß, bereits nieder- ist eine Philosophie, die viel Beachtung verdient und wovon ich auch ein Fan bin. Vielleicht widerspreche ich mich, wenn ich sage, ich sei gegen jede Art von „-ismus“ und wiederum ein Fan des Existenzialismus bin. Gerade als Fan, ist man Fanatiker und somit den Fanatismus ganz nah. Für mich ist es kein Wiederspruch, weil jeder Mensch ein Existenzialist ist oder mindestens für einen klitzekleinen Moment Fan des Existenzialismus ist. Der eine mehr, der andere weniger. Vielleicht kein Fan wie ich, aber dennoch, fragt sich jeder mal, was sein Sinn des Lebens ist.

Mag auch sein, dass ich eine gewisse Naivität in meiner Ansicht habe. Das juckt mich nicht.

Was mich viel mehr juckt, ist, wie Sartre und de Beauvoir die Ausarbeitung des Existenzialismus auslebten. Beide sagten der Polygamie zu, doch ihre Arbeit festigte innerhalb ihrer Liebe, eine Hingabe zum Schriftstellerdasein. Die daraus entsprungene „geheuchelte“ Treue und ihre gemeinsame existenzialistische Identifikation zeigt, dass sie doch eigentlich der Monogamie und der Zweisamkeit zusagen wollten, es aber nicht konnten, weil sie sich innerhalb des Existenzialismus verloren und einen Irrglauben lebten. Natürlich ist das nur meine Ansicht. Stehen tue ich dennoch dahinter. Wenn man sich auslebt mit Frauen aber keine feste Partnerin hat, ist es was Anderes, als wenn man mit einer Frau zusammen ist und trotzdem Partnerwechsel angehen will. Es ist ein Entziehen der partnerschaftlichen Verantwortung. In diesem Fall haben sich Sartre und de Beauvoir hinter der Verantwortung der Aufrechterhaltung ihrer Ideologie versteckt. Gerechtfertigt ist es für mich nicht. Allerdings kann ich es nachvollziehen, warum sie sich hinter dem Existenzialismus versteckt haben. Ihre Ideologie war sehr stark mit ihrem Ego verankert.

Alternative und eher beachtliche Wege schlug Albert Camus mit dem Existenzialismus ein. Kann ich denn noch in der heutigen Zeit als Existenzialist durchgehen? Es gibt grad eine philosophisch-spirituelle Bewegung von Eckhardt Tolle, die viel Zustimmung bekommt.
Wahrscheinlich muss ich einen neuen Begriff in die Welt setzen. „Geoismus“ oder so etwas Ähnliches, die die Liebe zu unserem Planten beschreibt.

Ich mache eine Schreibübung aus dem Webinar.

Schreibübung - Mit Musik schreiben
Suche Dir unterschiedliche Musikstücke (am besten ohne verständlichen Text). Schließe die Augen, lausche dem Klang. Lass dich von den Rhythmen tragen und beginne dazu zu schreiben. Je nach Stimmung des Stücks werden sich auch dein Texte unterscheiden.

Eric Satie – Gnosienne no. 1
Sensibilität ist eine Sache, über die nicht jeder Mensch verfügt. Sanftheit wird in der Gesellschaft meist als Schwäche gesehen. Warum darf ich nicht gebrechlich sein, wenn doch derjenige, der gerne die Gebrechlichen bricht, am gebrechlichsten ist? Ist es vielleicht der Grund, warum gerade der, der am gebrechlichsten ist, gerne die Gebrechlichen bricht? Was ist daran so erquickend oder auch befriedigend andere zu brechen? Jemanden den Boden von den Füßen zu nehmen, mag schon nicht eine tolle Sache sein. Fliegen wird meist als Hochmut gesehen. Wer aber fliegt, dem kann man auch den Boden von den Füßen nehmen, dem wird es nicht wirklich schaden. Gebrechlich wird er auch sein. Prachtvoll wird er sich vorkommen und weiterhin Fliegen wollen. Brechen, jemanden wirklich brechen, den Berg innerhalb eines Menschen Spalten und das Wasser in seinen Tälern fließen lassen, wird des Fliegers Willen kaum sein. Wer fliegt kann durch den Flug und Absturz zerbrechen. So zerbricht er aber an sich selbst. Er wird nicht durch irgendwen zerbrochen. Also, wer fliegt, läuft weniger Gefahr von jemanden zerbrochen zu werden.

Amin Toofani – Gratitude
Feuer. „Können“ und „wollen“. Was haben diese zwei Modalverben mit dem Element „Feuer“ zu tun? Wir alle haben Feuer in uns. Wir alle brennen. Wir alle erwärmen. Wir alle kochen. Wir alle explodieren. Alles machen wir mit dem Feuer in uns. Nach außen hin sind wir –der eine mehr, der andere weniger- auf Sparflamme. Wir können Dinge verbrennen und auch oft tun wir das auch. Mancherlei Feuer in uns ist so groß, dass wir nach außen hin doch nicht brennen wollen, weil die Gefahr des Verbrennens so weit gehen kann, dass man zum einen keine Kontrolle über sein Feuer hat und zum anderen innerhalb des Brennradius selbst verbrennt. An seinem eigenen Feuer zu verbrennen kann weitaus schlimmer sein, als am Feuer eines anderen zu verbrennen, weil man das Ausmaß des eigenen Feuers meist nicht kennt und wenn man sich erst an seinem eigenen Feuer verbrannt hat, sind sie die Schäden kaum reparabel.

DAVID GARRETT: ♫ Capriccio No. 24 ♫ von N. Paganini
Gestern. Wer waren wir gestern? Der Spiegel offenbarte uns gestern eine andere Gestalt als heute. Etwaige Ideen, die gestern gedacht waren, sind die Produkte, die im Gestern dahinsickern. Pedantisch gingen wir im Gestern mit Bestreben vor, damit wir heute noch die von Gestern sind. Heute. Wer sind wir heute? Heute sind wir schöner als gestern oder auch nicht. Sicherlich sind wir heute nicht mehr die von gestern. Rückblickend sagen wir, dass wir das eine oder andere hätten besser machen müssen. Vergegenwärtigen können wir uns aber kaum, dass das Heute nicht Heute wäre, wenn wir das Gestern nicht erlebt hätten. Deshalb haben wir auch Angst vor dem Morgen. Morgen. Wer sind wir morgen? Könnten wir uns wirklich im Geiste vorhalten, dass wir das Gestern brauchten, um die Heutigen zu sein, so wären wir auch in der Lage, zu bestimmen wer wir morgen sein können. Morgen können wir die sein, die wir gerne sein wollen. Wir schauen uns einfach an, was wir gestern taten um die Heutigen zu werden, überlegen uns wer wir morgen sein wollen, was wir dazu benötigen und setzen heute in die Tat um. Garantiert ist es nicht, dass wir unser Ziel erreichen. Doch Morgen reden wir dann wieder von einem neuen Heute und von einem Morgen, was für uns im Umkehrschluss heißt, dass wir im Morgen und neuen Heute weiterhin etwas in die Tat umsetzen, damit wir im neuen Morgen, das sind, was wir im alten Morgen und neuem heute sein wollten.

Schreibübung - Perspektivenerzählung
Stell dir vor ein Haus brennt. Erzähle die aus verschiedenen Perspektiven. Wenn Du magst, suchst Du Dir eine von mir vorgeschlagene Perspektive aus (oder erfinde andere Perspektiven):
Ich-Perspektive: Die achtjährige Anna, die allein im Flammenmeer erwacht.
Personale Perspektive: Der Sanitäter Frank, der übermüdet ist und jetzt zum Einsatzort gerufen wird.
Auktoriale Perspektive: Die verstorbene Großmutter von Anna, die als Geist im Haus wohnt und als solcher alles weiß, jeden kennt und ungestört durch Raum und Zeit reisen kann.
Ich-Perspektive: Die Brandstifterin Manuela, 23 Jahre.

Ich entscheide mich für die Ich-Perspektive mit einer kleinen Änderung.

Der elfjährige Jano, der allein im Flammenmeer erwacht.

Wie gerne ich am Strand bin. Tüchtig sitze ich im Sand und baue meine Sandschlösser. Mein Vater sieht mir heimlich zu und denkt ich würde nicht bemerken, dass er mich beobachtet, wie ich mein Traumschloss hier am Strand baue. Mama lächelt nur. Sie freut sich darüber sich entspannen zu können. Manchmal weine und schreie ich. Das stresst Mama manchmal sehr. Jedes Mal, wenn ich mich beruhigt habe, meinen Willen durchgesetzt bekommen habe oder auch nicht, sehe ich ihr müdes Gesicht. Heute sieht sie aber anders aus. Nein, sie ist nicht nur entspannt. Sie sieht einfach anders aus. Auch Papa sieht anders. Er hat einen Vollbart und trägt eine Brille. Seltsam anmutend wirkt er auf mich. Intellektueller wirkt er auf mich. Mama auch. Warum haben meine beiden Eltern auf einmal eine Brille auf? „Kehre deinen Rücken nie dem Flammenmeer zu“, höre ich meinen Vater gerade weissagen. Unbehaglich wird mir, weil ich grad bemerke, dass meine Eltern verschwinden und ich auf meinem Bett sitze statt im Sand. Plötzlich wird mir warm. Das blaue Meer verwandelt sich augenblicklich in einem Flammenmeer. Aus einem Traum bin ich nun in meinem brennenden Zimmer. Ich weiß was ich machen soll. Was ist hier überhaupt los? Warum brennt es? Ich kann nicht atmen. Die Luft zum Atmen fehlt mir. Hustenanfälle überkommen mich. Ich huste. Wir gerne würde ich husten, weil ich versehentlich ein bisschen Strandsand verschluckte. Stattdessen huste ich, weil der ganze Rauch für eine drückende stickige Luft sorgt. Wie komme ich raus? Überlebe ich das? Ich rufe nach Hilfe: „Mama, wo bist du? Papa, hörst du mich?“. Nach wie vor sitze ich beängstigt auf dem Bett. Überall um mich ist Feuer und ich weiß immer noch nicht was ich machen soll. Zur Tür kann ich nicht hingehen. Das Flammenmeer hat es mit seinen feurigen Wellen okkupiert. Nur noch das Fenster links neben mir ist die einzige Möglichkeit. Zitternd öffne ich das Fenster. Ob das eine gute Idee? Es fühlt sich an als würde ich das Feuer näher an mich reißen. Mein Brustkorb fühlt sich an, als würde es gleich explodieren. Die Luft, die mir zum Atmen fehlt, staut sich in mir auf und mein Herz pocht wie wild. Ich sehe Leute unten von meinem Fenster aus dem 7. Stock. Die Feuerwehr scheint ein Sprungtuch zu spannen. Sie sehen mich und rufen nach mir. Ich soll auf das Sprungtuch springen. Leicht Denkunfähig schaue ich noch einmal hinter mich und sehe das Feuer. Springen oder durch das Feuer rennen und so versuchen einen Ausweg zu finden? Wahrscheinlich brennt es auch hinter der Zimmertür. Es bleibt nur noch springen. Letzte Woche bin ich beim Schwimmkurs noch vom Fünfer gesprungen. Mit Leichtigkeit tat ich das. Nun werde ich auch mit Leichtigkeit hier runterspringen. Angestrengt trete ich das rechte Bein auf die Fensterbank und ziehe mich mit beiden Armen hoch. Ich schließe die Augen. Was passiert hier eigentlich gerade? Mein Zimmer brennt. Mama brachte mich eben noch zu Bett. Dann träumte ich und wachte schließlich im Flammenmeer auf. Wo ist eigentlich Mama? Wo ist Papa? Ich öffne die Augen. Das Sprungtuch ist ausgebreitet. Nun heißt überleben oder sterben. Mir ist weinen zumute. Noch nie stand ich vor seiner Entscheidung. Vorhin war ich innerhalb meiner Traumwelt noch am Sandschloss bauen und jetzt entscheide ich über mein Leben. Unabwendbar ist dieses Schicksal, das mich verleitet nochmal die Augen, diesmal fester, zu schließen. Mama. Papa. Hoffentlich sehe ich euch wieder. Wenn wir uns unten nicht sehen, dann am Strand. Hallo Sprungtuch, fang mich auf, ich lasse mich nun fallen.

Nochmals schreibe ich aus der Perspektive von Frank, dem übermüdeten Sanitäter, der nun zum Einsatzort fährt.

Heute morgen saß er noch in der Universität und hörte den Professoren zu, wie sehr sie von ihrer beruflichen Laufbahn schwärmten, anstatt medizinische Inhalte zu vermitteln. Wie bei jeder Vorlesung fragte sich Frank auch heute, warum er sich diese Vorlesung gäbe. Die Arbeit als Rettungssanitäter beschert ihm kein unbeachtliches Gehalt, sodass er schon einfach leben und sich eine kleine Wohnung mit seiner Partnerin, die Musik studiert, leisten kann. Er könnte einfach als Sanitäter arbeiten, wäre da nicht sein Kindheitstraum Arzt zu werden. Hätte er als Kind gewusst, was es heißt ein armes Studentenleben zu führen, hätte er wahrscheinlich diesen Weg nicht eingeschlagen, weil er sich schon immer im Leben mit wenigen Sachen zufriedengab. Das Studentenleben verlangt ihm viel Zeit zum Lernen ab und das Geld ist knapp. Heute ist ein Tag, den er sich ohne Arbeit besser vorstellen könnte. Gestern Abend hat er sich mit seiner Partnerin eine Flasche gegönnt, die ihm doch den Kopf zermürbte. Schon beim Aufstehen heute morgen, dachte er sich, dass er lieber schlafen solle. Nach den Vorlesungen ging er erst noch einen kleinen Happen essen und danach zur Arbeit. Jetzt sitzt er in der Krankenhausstation und hofft, dass kein Rettungsdienstfall auf ihn zukommt. Jeden Moment könnten ihm die Augen zu fallen. Übermüdet vom Tag sitzt er dort und bereitet wie immer seinen Notfallmedizinkoffer vor. Übermüdet vom Studium fragt er sich, was er hier mache. Übermüdet von den letzten Lebensjahren schmiegt er sich in seinen schön verhofften Zukunftsträumen als gut bezahlter Arzt mit anständigen moralischen Werten. Müßig arbeitet er an ein Notfallequipment und hofft dabei, dass er nicht einschläft. Hastig kommt ein Kollege in den Sanitäterräumlichkeiten der Krankenhausstation reingelaufen und meldet einen Notfall, welcher von allen nun ihren Einsatz erfordert. Angewidert davon, dass wieder Leuten das Leben gerettet werden muss, steht Frank -der sich noch schnell zur Kontrolle über seinen Notfallmedizinkoffer beugt- auf und bereitet sich für den Einsatz vor. „Bist du bereit?“, hört er seinen Kollegen Ralf fragen. „Dann geh’ schleunigst zu Einsatzwagen drei. Da sitzt Michael und wartet.“ Gewandt versucht er seine Müdigkeit zu überdecken, macht sich schnell fertig und eilt zum Einsatzwagen. Sie fahren los. Auf der Fahrt zum Einsatzort wird Frank einem Gedankenfluss überfallen. Besser gesagt: Sein Kopf ist auf einmal voll mit Fragen. Er fragt sich, warum das so plötzlich passiert, warum er heute einen Einsatz hat, wo er doch so müde ist, warum ein Mensch sich verdammt nochmal denkt ein Haus anzubrennen, warum er nicht grad einfach woanders sein könnte. Die Müdigkeit quält ihn. Räsonierend fasst er sich in seinen Gedanken und versuchte seinen Egozentrismus zu abstrahieren. Die Verantwortung, die er trägt, eventuell durch seinen Einsatz ein Menschenleben zu retten, wirkte wie eine Maulschelle, die ihn weckte. Wie kann er so sehr auf sich fixiert denken, wenn doch bei dem Hausbrand Menschen gerettet werden müssen. So denkt er grad. „Was ist schon die Müdigkeit? Zeit zum Schlafen finde ich noch. Die Zeit zum Leben, die ich jemanden schenken kann, indem ich ihn rette, macht meinen Schlaf wertvoller.“, sagt er sich. Aus voller Lunge atmet er, sich „Wach auf!“ sagend, tief ein und „Sei fit, um Menschleben zu retten“ wieder aus.