Andersartige Texte lesen

Kreatives Schreiben (Teil 3)

Über Wölfe schreiben
Bild: Pixabay / Comfreak - Haben wir nicht alle einen Wolf in uns?

Widmen will ich mich der folgenden Schreibübung vom Webinar:
Lies eine Kurzgeschichte, die dich anspricht. Erzähle sie aus einer anderen Perspektive. Was verändert sich ändert sich anderes an der Erzählung?

Der Wolf – Hermann Hesse

Noch nie war in den französischen Bergen ein so unheimlich kalter und langer Winter gewesen. Seit Wochen stand die Luft klar, spröde und kalt. Bei Tage lagen die großen, schiefen Schneefelder mattweiß und endlos unter dem grellblauen Himmel, nachts ging klar und klein der Mond über sie hinweg, ein grimmiger Frostmond von gelbem Glanz, dessen starkes Licht auf dem Schnee blau und dumpf wurde und wie der leibhaftige Frost aussah. Die Menschen mieden alle Wege und namentlich die Höhen, sie saßen träge und schimpfend in den Dorfhütten, deren rote Fenster nachts neben dem blauen Mondlicht rauchig trüb erschienen und bald erloschen.

Das war eine schwere Zeit für die Tiere der Gegend. Die kleineren erfroren in Menge, auch Vögel erlagen dem Frost, und die hageren Leichname fielen den Habichten und Wölfen zur Beute. Aber auch diese litten furchtbar an Frost und Hunger. Es lebten nur wenige Wolfsfamilien dort, und die Not trieb sie zu festerem Verband. Tagsüber gingen sie einzeln aus. Da und dort strich einer über den Schnee, mager, hungrig und wachsam, lautlos und scheu wie ein Gespenst. Sein schmaler Schatten glitt neben ihm über die Schneefläche.
Spürend reckte er die spitze Schnauze in den Wind und ließ zuweilen ein trockenes, gequältes Geheul vernehmen. Abends aber zogen sie vollzählig aus und drängten sich mit heiserem Heulen um die Dörfer. Dort war Vieh und Geflügel wohlverwahrt, und hinter festen Fensterladen lagen Flinten angelegt. Nur selten fiel eine kleine Beute, etwa ein Hund, ihnen zu, und zwei aus der Schar waren schon erschossen worden.
Der Frost hielt immer noch an. Oft lagen die Wölfe still und brütend beisammen, einer am andern sich wärmend, und lauschten beklommen in die tote Öde hinaus, bis einer, von den grausamen Qualen des Hungers gefoltert, plötzlich mit schauerlichem Gebrüll aufsprang.

Dann wandten alle anderen ihm die Schnauze zu, zitterten und brachen miteinander in ein furchtbares, drohendes und klagendes Heulen aus. Endlich entschloss sich der kleinere Teil der Schar, zu wandern. Früh am Tage verließen sie ihre Löcher, sammelten sich und schnoberten erregt und angstvoll in die frostkalte Luft. Dann trabten sie rasch und gleichmäßig davon. Die Zurückgebliebenen sahen ihnen mit weiten, glasigen Augen nach, trabten ein paar Dutzend Schritte hinterher, blieben unschlüssig und ratlos stehen und kehrten langsam in ihre leeren Höhlen zurück.

Die Auswanderer trennten sich am Mittag voneinander. Drei von ihnen wandten sich östlich dem Schweizer Jura zu, die anderen zogen südlich weiter. Die drei waren schöne, starke Tiere, aber entsetzlich abgemagert. Der eingezogene helle Bauch war schmal wie ein Riemen, auf der Brust standen die Rippen jämmerlich heraus, die Mäuler waren trocken und die Augen weit und verzweifelt. Zu dreien kamen sie weit in den Jura hinein, erbeuteten am zweiten Tag einen Hammel, am dritten einen Hund und ein Füllen und wurden von allen Seiten her wütend vom Landvolk verfolgt. In der Gegend, welche reich an Dörfern und Städtchen ist, verbreitete sich Schrecken und Scheu vor den ungewohnten Eindringlingen. Die Postschlitten wurden bewaffnet, ohne Schießgewehr ging niemand von einem Dorf zum anderen. In der fremden Gegend, nach so guter Beute, fühlten sich die drei Tiere zugleich scheu und wohl; sie wurden tollkühner als je zu Hause und brachen am hellen Tage in den Stall eines Meierhofes. Gebrüll von Kühen. Geknatter splitternder Holzschranken, Hufegetrampel und heißer, lechzender Atem erfüllten den engen, warmen Raum. Aber diesmal kamen Menschen dazwischen. Es war ein Preis auf die Wölfe gesetzt, das verdoppelte den Mut der Bauern. Und sie erlegten zwei von ihnen, dem einen ging ein Flintenschuss durch den Hals, der andere wurde mit einem Beil erschlagen. Der dritte entkam und rannte so lange, bis er halbtot auf den Schnee fiel. Er war der jüngste und schönste von den Wölfen, ein stolzes Tier von mächtiger Kraft und gelenken Formen.
Lange blieb er keuchend liegen. Blutig rote Kreise wirbelten vor seinen Augen, und zuweilen stieß er ein pfeifendes, schmerzliches Stöhnen aus. Ein Beilwurf hatte ihm den Rücken getroffen. Doch erholte er sich und konnte sich wieder erheben. Erst jetzt sah er, wie weit er gelaufen war. Nirgends waren Menschen oder Häuser zu sehen. Dicht vor ihm lag ein verschneiter, mächtiger Berg. Es war der Chasseral. Er beschloss, ihn zu umgehen.
Da ihn Durst quälte, fraß er kleine Bissen von der gefrorenen, harten Kruste der Schneefläche. Jenseits des Berges traf er sogleich auf ein Dorf. Es ging gegen Abend. Er wartete in einem dichten Tannenforst. Dann schlich er vorsichtig um die Gartenzäune, dem Geruch warmer Ställe folgend. Niemand war auf der Straße. Scheu und lüstern blinzelte er zwischen den Häusern hindurch. Da fiel ein Schuss. Er warf den Kopf in die Höhe und griff zum Laufen aus, als schon ein zweiter Schuss knallte. Er war getroffen. Sein weißlicher Unterleib war an der Seite mit Blut befleckt, das in dicken Tropfen zäh herabrieselte. Dennoch gelang es ihm, mit großen Sätzen zu entkommen und den jenseitigen Bergwald zu erreichen. Dort wartete er horchend einen Augenblick und hörte von zwei Seiten Stimmen und Schritte.

Angstvoll blickte er am Berg empor. Er war steil, bewaldet und mühselig zu ersteigen. Doch blieb ihm keine Wahl. Mit keuchendem Atem klomm er die steile Bergwand hinan, während unten ein Gewirre von Flüchen, Befehlen und Laternenlichtern sich den Berg entlang zog. Zitternd kletterte der verwundete Wolf durch den halbdunkeln Tannenwald, während aus seiner Seite langsam das braune Blut hinabrann. Die Kälte hatte nachgelassen. Der westliche Himmel war dunstig und schien Schneefall zu versprechen.

Endlich hatte der Erschöpfte die Höhe erreicht. Er stand nun auf einem leicht geneigten, großen Schneefelde, nahe bei Mont Crosin, hoch über dem Dorfe, dem er entronnen. Hunger fühlte er nicht, aber einen trüben, klammernden Schmerz von der Wunde. Ein leises, krankes Gebell kam aus seinem hängenden Maul, sein Herz schlug schwer und schmerzhaft und fühlte die Hand des Todes wie eine unsäglich schwere Last auf sich drücken. Eine einzeln stehende breitästige Tanne lockte ihn; dort setzte er sich und starrte trübe in die graue Schneenacht. Eine halbe Stunde verging. Nun fiel ein mattrotes Licht auf den Schnee, sonderbar und weich. Der Wolf erhob sich stöhnend und wandte den schönen Kopf dem Licht entgegen. Es war der Mond, der im Südost riesig und blutrot sich erhob und langsam am trüben Himmel höher stieg. Seit vielen Wochen war er nie so rot und groß gewesen. Traurig hing das Auge des sterbenden Tieres an der matten Mondscheibe, und wieder röchelte ein schwaches Heulen schmerzlich und tonlos in die Nacht.
Da kamen Lichter und Schritte nach. Bauern in dicken Mänteln, Jäger und junge Burschen in Pelzmützen und mit plumpen Gamaschen stapften durch den Schnee. Gejauchze erscholl. Man hatte den verendenden Wolf entdeckt, zwei Schüsse wurden auf ihn abgedrückt und beide fehlten. Dann sahen sie, dass er schon im Sterben lag, und fielen mit Stöcken und Knütteln über ihn her. Er fühlte es nicht mehr.
Mit zerbrochenen Gliedern schleppten sie ihn nach St. Immer hinab. Sie lachten, sie prahlten, sie freuten sich auf Schnaps und Kaffee, sie sangen, sie fluchten. Keiner sah die Schönheit des verschneiten Forstes, noch den Glanz der Hochebene, noch den roten Mond, der über dem Chasseral hing und dessen schwaches Licht in ihren Flintenläufen, in den Schneekristallen und in den gebrochenen Augen des erschlagenen Wolfes sich brach.

Die Geschichte wird aus der Perspektive von Jacques dem Jüngling aus einem Dorf nahe des Jura Gebirges erzählt.

Kalt, nass, trüb und lähmend war es in dieser Winterzeit, so sehr, dass sich diese nasse Kälte und trübe Lähmung bis in die Knochen hin vollzog. Ärmlich kauerten wir in unseren Hütten und warteten nur darauf, dass es wieder angenehmer wurde. Die Älteren von uns sauften sich den Kopf dicht, damit sie die Kälte verdrängten. Hingegen nahm ich mir meist eine gekochte Fleischbrühe und versuchte mich damit aufzuwärmen. Manchmal, wenn die Kälte nicht so derb unerträglich war, saß ich mich nach draußen um mir die Sternenbilder anzuschauen. Zu dieser Jahreszeit ist der Himmel oftmals ziemlich klar. Beobachtend nahm ich mir einige Sternenbilder vor und fragte mich, wie jemand sagen konnte „das ist der Oriongürtel“ oder „das ist der große Wagen“. Warum sagte man sich überhaupt so etwas? Vermutlich weil es Orientierungspunkte sind. Eine Fahrkarte für die jeweilige Jahreszeit. Wie das alles wohl für die Tiere aussah, wenn nachts unsere roten Fenster neben dem blauleuchtenden Mond ausgingen?

Wie gleich mir das sein kann, wie es für die Tiere aussah, denn sie stellten ein Problem für uns dar. Genauer gesagt; Die Wölfe stellten ein Problem dar. Alles fraßen sie, was sie in ihren Zähnen bekamen, was für uns hieß, dass wir weniger zu essen hatten. Oft fragte ich mich, was es zu bedeuten hatte als sie heulten. Hieß es sowas wie „Heute siegten wir wieder über euch, und deshalb feiern wir“? Oder hieß es „Nehmt euch in acht! Wir kommen euch auch noch holen“?
Warum heulten sie denn sonst, wenn es nicht solche Schlachtrufe darstellen sollte?
An einem Tag ging ich mit meinen zwei älteren Vettern, die wegen des Wildes nie unbewaffnet waren, durch die Waldgegend. Meinen Hund hatte ich auch dabei. Alsdann wir mit unserem Schlitten hielten, weil wir etwas hörten, packten meine beiden Vettern ihre Waffen aus. Wir sahen wie 3 Wölfe aus dem dichtgebäumten Wald kamen. Zähnefletschend traten sie näher. Instinktiv lief mein Hund zu Ihnen um sie wegzudrängen, während meine Vettern wie erstarrt versuchten auf sie zu schießen. Zwar war ich beunruhigt, doch ich konnte wahrnehmen, wie sie mit meinem Hund sprachen. Was genau sie sich zu bellten konnte ich natürlich nicht verstehen. Es muss aber sowas gewesen sein wie: „Du lebst unter ihnen und gibst dich ihnen willfährig. Sie gehen mit dir raus, wenn du das Bedürfnis hast, etwas aus deinen Lupuskörper zu lösen. Du Verräter deiner Gattung“. Hypnotisiert von deren Gebell, sah ich nur noch wie einen von ihnen meinen Hund in den Nacken biss und ihn in den dunklen Wald zogen, alsdann einer meiner Vettern endlich aus ihren erstarrten Zustand den Gewehrabzug zogen. Getroffen hatten sie keines der Wölfe und sie nahmen meinen Hund mit, den sie als Verräter seiner Gattung sahen, aber sie selbst auch Verräter ihrer Gattung waren, weil sie ihresgleichen verspeisen wollten. Sowas würden wir Menschen nie machen. Oder vielleicht doch? Was trieb sie denn dazu, dass sie mein treues Gefährt mit sich nahmen? Der Hunger. Wahrscheinlich würde der Hunger uns auch dazu treiben, uns selbst zu verraten und uns zu essen. Hunger und Verzweiflung wird wohl die Kombination sein, die diese Wölfe dazu verleitet haben in unserer Gegend einzudrängen.

Hunger litten wir nicht unbedingt. Wir kamen schon irgendwie auf unsere Kosten. Schließlich hatten wir auch noch die Viehzucht. Verzweiflung war dennoch in uns, weil sie uns eine gewisse Beute nahmen und die ganzen Dorfbewohner in Angst und Schrecken verjagten. Deswegen setzte der Dorfrat einen Preis auf die Wölfe fest. Die Mitnahme von Waffen wurde verschärft. Selbst die Postboten mit ihren Schlitten hatten sich bewaffnet. Es kam wie es kommen musste. An einem kalten Wintertag im Dezember, überdrüssig von ihrem wölfischen Mut, kamen sie wieder zu dritt in einem Meierhof aus der Nachbarschaft. Erst die ganzen Laute der Tiere machten uns alle aufmerksam. Wir alle im Dorf wussten, dass sie da waren.
Einer meiner Vetter, der sich in seinem Stolz verletzt fühlte, weil er bei der letzten Begegnung mit den Wölfen vor lauter Erstarrung keinen erfolgreichen Schuss feuern konnte, war sehr erpicht darauf die Wölfe zu erschießen, wenn er sie nochmal sähe. Triumphierend konnte er dieses Mal den einen Wolf erschießen, als er im Meierhof hineinstürzte. Obwohl es mein Hund war, der von den Wölfen verspeist wurde, sah mein Vetter trotzdem vielmehr eine Kriegserklärung als ich. Ein anderer Wolf wurde von einem Beil erfasst. Der Dorfbewohner, der das Beil warf, kam mit einem weiteren und schlug brutal auf den Wolf ein. Durch jeden Hieb ins Wolfsfleisch wurde ein gequälter Laut des räudigen Tieres hervorgebracht. Zornig und wütend waren alle Dorfbewohner wegen der Wölfe, was auch irgendwie verständlich war. Trotz jeder Nachvollziehbarkeit fragte ich mich oft im Nachhinein, ob deren Abgang ein würdevoller war. Wenigstens hatte ich letztlich diesen Eindruck bei dem dritten Wolf, der vorerst noch entkam.

Eilig rannten wir ihm nach. Natürlich kamen wir nicht so schnell hinterher. Da aber dem Wolf nach gewisser Zeit die Kraft fehlte weiter zu laufen, weil er auch von einen unserer Beilwürfe getroffen wurde, lag er sich kurz hin. Von weitem konnte ich sein Fell noch ein bisschen sehen.
Einige der Dorfbewohner kehrten zurück. „Der wird da draußen ohnehin elendig verrecken, so wie es diesem Drecksvieh zusteht“, sagten einer von ihnen mit tiefem Hass in der Stimme.
Eigentlich wollte ich mit Ihnen mitgehen, doch mein Vetter hielt mich mit seinem Rausch auf. Jagdwütig sagte er, er wolle auf Teufel komm raus, dieses Tier erlegen. Also schritten wir ihm mit einer kleinen Schar nach. Zwischenzeitlich konnte sich der Wolf offenbar erholen und zog weiter in Richtung des Berges Chasseral. Spurenlesend konnten wir ergründen, dass er den Berg umging und das Dorf „Mont Crossin“ anvisierte. Schon länger hatten wir ihn aus den Augen verloren. Was trieb uns eigentlich noch dieses Tier zu jagen? Die Sicherheit, dass das Tier wirklich den Tod fand. Die Gewissheit, dass wir selbst sehen wie leblos dieses Tier in unseren Augen ist, trieb uns an. Somit waren wir nicht anders als der Wolf. So sehr wir dieses Tier hassten, so sehr hätten wie uns hassen müssen, weil wir seines Gleichen waren. An einem dichten Tannenforst vorbeischleichend, hatten wir den Wolf wieder gesehen, wie er zu den nächst gelegenen Ställen trabte. Keinen Moment zuckte mein Vetter und zog die Flinte. Der erste Schuss ging daneben und verjagte den Wolf. Der zweite Schuss traf den Wolf. Durch die Schüsse veranlasst stürmten Leute mit Laternen zu uns. Wir erklärten ihnen die Situation mit dem Wolf und sie schlossen uns an. Warum? Wir teilten den Hass. Überall fraßen sie unser Nutzvieh. In der Hartnäckigkeit den Wolf töten zu wollen, fand man offensichtlich schnell Charakterverwandte. Herrisch liefen wir mithilfe der Laternen dem Blut nach, das der Wolf verlor. Als das Licht den Wolf leicht in unseren Augenlichtern warf, schoss mein Vetter wild zweimal auf ihn, aber traf ihn nicht. Ich sah auf einmal nur noch, wie die ganzen Leuten mit ihren Knüppeln zu ihm hingingen. Auch mir war danach auf das Tier einzudreschen. Jedoch sah ich ein Tier, dass so einen unwürdigen Abgang nicht verdient. Wer von uns hätte den Willen, nachdem man abgeschossen wurde, blutend einen Berg hoch zu rennen, dem Tod entkommen zu wollen und schließlich sich doch seinem Schicksal zu geben, an einem Ort, der die Natur in ihren vollen Umfang klar zeigt, begleitet vom Mondschein? Damals war es mir nicht so bewusst. Damals war ich nur unruhig wegen der Bestie, die Angst verbreitete, besiegt werden musste und deren Pelz als Trophäe zum Tragen genutzt werden sollte. Damals war mir auch nicht Feiern zumute. Damals wollte ich nur beruhigt schlafen können. Heute will ich es auch, weil mir heute bewusst geworden ist, was mir kosmisch zugeteilt worden ist. Viel zu jung war ich zu der Zeit, um zu begreifen, wie majestätisch dieser Moment war. Viel zu jung war ich zu der Zeit, um zu begreifen, dass nicht die Wölfe die Bestien waren, sondern wir. Wenn ich eines im Leben rückgängig machen könnte, wäre es nur dieser Moment. „Halt, hört auf“, würde ich schreien. „Seht ihr nicht, dass dieses Tier am Sterben ist?!“ Heute bin ich viel selbstreflektierter. Ich kann mich an alles noch erinnern. Jedes Detail, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde, die ich durchlebte, als wir anfingen, diese Prachttiere zu jagen, ist mir im Gedächtnis geblieben. Über nichts in meinem Leben will ich Reue zeigen, außer über diese eine Sache mit dem Wolf. In allem, was ich in meinem Leben tat, und ich verbrach viele Schlimme Dinge, ließ ich immer die Würde zu Teil werden, die ein Wesen verdient, außer bei diesem Wolf. Ich hätte es verhindern können, dass sie auf ihn so stürzten, stattdessen sah ich es mir an und ließ Teile meiner Seele verkümmern. Egal wo die Wolfsseele sein mag, sie wird mir wahrscheinlich verzeihen. Mir selbst allerdings, kann ich nicht verzeihen. Oh grundgütiger Herr, lass den Wolf neben den Böcklein lagern, lass das Kalb und den jungen Löwen zusammen weiden, und lass mich kleinen Knaben sie leiten. Schick mich bitte zurück zu diesem Berg, wo der sterbende Wolf lag und ich werde handeln. „Seht ihr nicht, dass dieses Tier am Sterben ist?! Seht ihr nicht, was uns alles umgibt?! Seht ihr die Schönheit der Natur etwa nicht?! Seht euch diesen schönen roten Mond an. Seht in den Augen des Wolfes. Die Röte von seinen blutenden Augen, entspricht ungefähr der Röte des Mondes. Dass wir ihn nun getötet haben, weil er und seine Begleiter auch töteten, ist der Lauf unserer Wesensnatur. Nun liegt er da und stirbt. Stellt euch vor ihr währet er und eine Horde Menschen, die von sich vorgeben gute Christen zu sein, würden auf euch mit Knüppeln und Stöcken den Rest geben, sodass euer Ableben noch grausamer wird. Würdet ihr das für euch so wollen? Seht wie das Tier die letzten Atemzüge auf sich nimmt. Gebt mir eine Pistole. Höchst achtungswert knie ich mich vor dem Wolf und atme zwei oder drei Züge der Luft ein, die aus einer sterbenden Lupuslunge kommt. Betend, still in mir, sage ich zum Herrn: Vater, nimm die Seele dieses Tieres ins Paradies, damit ich es da wiedersehen kann.
Zitternd halte ich meinen Finger am Abzug, denn ich muss abdrücken. Nur so erweise ich ihm die letzte Ehre, die dieses schöne Tier verdient.“