Andersartige Texte lesen

Kreatives Schreiben (Teil 4)

Vertrag - First Date
Bild: Pixabay / mohammad_hassan - Er bestellte Sex, bekam aber ein Date.

Wenn Figuren gegensätzliche Ziele verfolgen und sich so gegenseitig im Weg stehen, entstehen Konflikte an denen sie wachsen können. Gebe Deinen Figuren unterschiedliche Drehbücher!
Zum Üben suche dir eines der Beispiele aus und schreibe dazu eine Szene.
Beispiel 1: Tim himmelt seine Nachbarin an und sucht deshalb ihre Nähe. Janne jedoch, er sei von der Stasi.
Beispiel 2: Jacob hat sich zum ersten Mal im Leben eine Prostituierte bestellt. Als es klingelt nimmt er an, es sei die gebuchte Dame. Johanna möchte ihm jedoch lediglich eine Lebensversicherung verkaufen.
(Ich habe mich für Beispiel 2 entschieden und habe kein Drehbuch im eigentlichen Sinne bzw. in der klassischen Form geschrieben, sondern möglichst versucht eine Szene zu schreiben, die vielleicht den Leser im Kopf selbst einen kleinen Film abspielen lässt und vielleicht auch Interesse weckt)

Vor einigen Wochen wurde Jacob von seiner Freundin verlassen. Niedergeschlagen sitzt er in seiner Wohnung, in der auch noch vor kurzem seine Ex-Freundin wohnte. Damals als er mit ihr zusammenkam, war er sich schon unsicher und heute bereut er es, mit ihr eine Beziehung eingegangen zu sein, da er die vier Jahre mit ihr als verschwendete Zeit sieht. „Niemals könnte ich ohne diese Hand leben“, sagte sie, während sie einst in einem innigen Moment mit ihm, seine Hand in ihre hielt. Dieser Spruch, dieses Bild, diese Situation kam ihm in letzter Zeit oft in den Sinn.
Einem Freund vertraute er an, dass er nicht mal mehr unbedingt sie vermisse, sondern einfach nur weibliche Nähe. Daraufhin riet ihm sein Freund sich eine Prostituierte zu bestellen. Es sei nur ein einmaliges Bedürfnis, das befriedigt werden müsse. Allerdings hat Jacob nie etwas davon gehalten, für den Geschlechtsverkehr Geld zu zahlen. „Soll ich es tun oder nicht?“, war die Frage, die ihn lange beschäftigte. Besudelt von seinen eigenen Gedankengängen, entschied er sich seine moralischen Prinzipien einmal über Bord zu werfen, schon allein deshalb, weil er dadurch was anderes sehen würde, etwas anderes erleben würde, vielleicht auch wieder anders belebt werden würde und vor allem auf andere Gedanken käme, als sich in depressiven Gedanken zu vertiefen.

Aus diesem Grund nahm er vor einem Tag das Telefon in die Hand und rief die Nummer an, die ihm sein Freund riet. „Jetzt habe ich es getan und darf keinen Rückzieher mehr machen“, dachte er sich. An einem Donnerstag hatte er den Anruf getätigt und musste nun warten, bis seine Bestellung für seine Begierung eintrifft. Von dem Moment an, als er aufgelegt hatte, dachte er darüber nach, ob er das richtige täte oder auch nicht. „Bin ich tief gesunken, weil ich mir jetzt eine Nutte bestellt habe? Was ist, wenn ich in ein paar Jahren eine Frau finde, die mit mir zusammen sein will und sie mich fragt, ob ich jemals mit einer Prostituierte geschlafen habe? Was soll ich ihr sagen? Wenn ich mit dieser Prostituierten morgen einen unvergesslich guten Abend verbringe hat sich doch das Geld gelohnt. Zugestehen muss ich mir aber, dass ich es irgendwann mal sicherlich sehr bereuen werde, diese Entscheidung getroffen zu haben. Darum zweifle ich sehr stark. Doch wenn ich bedenke, dass meine Ex-Freundin eigentlich auch nur eine Nutte ist, dann kann es doch keine Fehlentscheidung sein. Vier Jahre lang war sie mit mir zusammen, wahrscheinlich nur, weil ich gut verdiene und ein schickes Auto fahre, denn ihr jetziger Stecher verdient mehr als ich und ein noch schickeres Auto als ich. Im Grunde genommen hat sie sich doch auch die ganze Zeit prostituiert. Vier Jahre mit mir und nun mit ihm. Diesem Abteilungsleiter von irgendeiner Firma. Einen gut wirtschaftenden Handwerker wie mich, der etwas aufbauen kann und nicht andere Leute zum Aufbauen ruft, mochte sie auf einmal nicht mehr haben. Hätte ich vor vier Jahren direkt eine Prostituierte bestellt, würde ich hier wohl nicht so jämmerlich sitzen. Das wäre eine Entscheidung gewesen, die ich vielleicht im Nachhinein bereut hätte, doch nicht mehr als die Entscheidung mit dieser Hetäre zusammenzukommen.“ Solche Gedanken schwirren seit seiner Bestellung in seinem Kopf. Immer mehr redet er sich ein, dass es eine gute Entscheidung sei und es schon gut für ihn laufen werde. Was er nicht weiß, ist, dass er jemandem begegnet, der wie er, sich verirrt hat.

Dieser Jemand ist eine Frau namens Johanna. Am Freitagnachmittag fährt Johanna durch die Gegend, um ihre Kaltakquise für Versicherungsverträge verkauft zu bekommen, damit sie ihre Provision bekommen kann. „Warum mache ich diese Arbeit überhaupt? Ich mag es eigentlich gar nicht, diese Finanz- und Versicherungsprodukte zu verkaufen“, denkt sie sich. „Diese Arbeit kann ich nicht ewig machen. Ich mache das solange, bis ich mir ein Ferienhaus in Frankreich leisten kann. Dann kann ich irgendeine Arbeit machen, die mich über das Wasser hält und kann eine 3-Stunden-Fahrt jedes Wochenende auf mich nehmen, um mich da immer zu entspannen. Wie viel Geld ich in meinem Leben verprasst habe, für Parties und Cocktailabende mit meinen Freundinnen. Alle haben sie schon Familie und Kinder. Wohingegen ich nur Pech hatte mit meinem Partner hatte. Wie dumm ich war, mich einem Dasein als Hausfrau zu geben, während mein Ex-Verlobter arbeitet und nebenbei mit anderen Frauen schläft. Hätte ich mal damals nicht für ihn meine Ausbildung als Optikerin nicht abgebrochen. Dann hätte ich noch eine Arbeit mit Sinn gehabt, anstatt das, was ich jetzt machen muss, nur damit ich mir meinen Lebensstandard halten kann.“
Fest entschlossen will sie heute Verträge abschließen. Was sie nicht weiß, ist, dass sie einen Vertrag abschließen wird, der ihr Leben verändern wird.

„Sie müsste gleich kommen“, denkt sich Jacob. Er hat sich gut angezogen und frisch gemacht. „Wozu habe ich mich geduscht? Wozu kleide ich mich hier so ein? Ich könnte auch stinken und ungewaschen sein. Sie muss mich einfach nur beglücken. Dafür bekommt sie immerhin Geld.“ Sich zu verunstalten und körperlich unrein zu machen, ist für ihn auf einmal nicht sinnvoll und unvernünftig. Die Stunde seines bezahlten Damenbesuches kommt näher und er bekommt ein mulmiges Gefühl. Es ist ein Mischgefühl aus Angst und Begierde.

Bei Johanna ist es anders. Sie hat eine Datenbank von ihrer Versicherungsfirma bekommen, mit Namen und Adressen, von Leuten, die potenzielle Kunden werden könnten. Die nächste Adresse, die sie besucht, ist die von Jacob.

Bei Jacob klingelt es.

Johanna steht vor seiner Tür.

Jacob ist sehr verblüfft, er hat sich eine Frau vorgestellt, die sehr stark geschminkt ist und keinen Eindruck von Seriosität verleiht. Vorbehaltlich denkt er sich, wie schade es sei, dass so eine Frau eine Prostituierte ist.
„So eine Schönheit wie dich hätte ich nicht erwartet. Komm doch rein“, sagt Jacob zu Johanna und macht eine Handgeste, die signalisiert, dass sie Diele durch zum Wohnzimmer gehen kann.

Perplex sieht Johanna ihn an und geht langsam hinein. „Danke, so hat mich ein Kunde noch nie begrüßt“, sagt sie und denkt sich: „So hat mich wirklich noch nie ein Kunde begrüßt. Es wirkt so als hätte er auf mich gewartet. Sehr gepflegt wirkt er und gut riechen tut er auch. Johanna, konzentrier dich! Dem kann ich bestimmt heute alles verkaufen. Ich gebe ihm auch noch die Risikounfallversicherung mit.“

Jacob muss sich beherrschen sie nicht so sehr anzustarren, aber er kann es nicht sein lassen sie unter die Lupe zu nehmen. Ganz wenig ist ihr Gesicht geschminkt und ihr Business-Look wirkt sehr reizend für ihn. Ihr schwarzer Anzug ist sehr elegant und die weiße Bluße, die sie trägt, verdeckt ihre Busen so sehr, dass er sich denkt, sie könne unmöglich eine Prostituierte sein. „Was ist los mit mir? Warum haut sie mich so sehr um? Sie ist nur eine Nutte. Theoretisch gesehen, könnte ich sie auf mein Sofa schubsen, über sie herfallen, ihre die Kleider vom Leib reißen, sie animalisch besteigen, sie anspucken, ihr Geld hinwerfen und ihr sagen, dass sie ich nun verpissen soll. Doch irgendwie kann ich das nicht tun. Zwar habe ich sowas nie gemacht, aber ich habe sie herbestellt, damit ich das legitimiert machen kann und jetzt kann ich es nicht. Warum nicht? Verliebe ich mich grad in eine Nutte? Was verdammt nochmal ist los mit mir?“, sagt er sich vor Nervosität gedrängt in seinem Kopf.

„Möchtest du etwas trinken?“, fragt Jacob.
„Ja, danke, ich hätte gern ein Wasser mit Kohlensäure, wenn es in Ordnung ist.“
„Natürlich.“
„Wie soll ich dich eigentlich nennen? Also du duzt mich schon seitdem ich eben vor deiner Tür stand. Normalerweise sage ich immer: ‚Guten Tag Herr so und so, ich bin Johanna Roth’. Und so weiter. Da du mich aber so nett empfangen hast, muss ich zugeben, dass ich vor lauter Euphorie in mir, grad nicht in der Lage war, mich vorzustellen. Also bleiben wir beim ‚du’? Soll ich dich Herr Weiss und Jacob nennen?“

In diesem Moment fragt sich Jacob: „Reden Prostituierte so wie sie?“.
Er antwortet: „Sag’ einfach Jacob zu mir&“. Er schüttet ihr das Wasser in ein Glas ein.
„Na gut, Jacob. Dann fangen wir doch mal an“. Sie packt eine lederne Mappe, Vordrucke und einen Kugelschreiber aus.

Nervöser als vorher fragt sich Jacob, in was für eine komische Situation er geraten sei.
„Ich wusste gar nicht, dass das alles so förmlich ablaufen muss.“, sagt er zu ihr.
„Selbstverständlich muss das förmlich ablaufen. Heutzutage braucht man für alles eine Unterschrift.“
„Ja, das mag ja sein, aber, dass das so weit geht, war mir bisher nicht geläufig. Naja, so ist es dann wohl. Also gut, fangen wir an.“
„Schön! Ich stell dir erst einmal ein paar Standardfragen und danach zeige ich dir die verschiedenen Leistungsangebote.“
„Dafür gibt es auch verschiedene Angebote? Ich dachte ich muss einfach nur zahlen und gut is’.“
„Nein, so leicht ist das alles nicht. Moment! Jetzt habe ich mich falsch ausgedrückt. Das Leistungsangebot ist nicht komplex. Das ist leicht zu verstehen. Allerdings gibt es nun mal vertragliche Rahmenbedingungen, die einzuhalten sind. Das heißt: Einfach zahlen wäre auch für uns gut, doch damit es keine Missverständnisse gibt, werden halt zur Sicherheit, vertragliche Inhalte dokumentiert.“
„Hmm, wenn es sein muss, ...“
„Na denn, wie hoch ist dein Nettogehalt?“
„Pui, ist das nicht ein bisschen zu privat?“
„Das ist für das Leistungsangebot nun mal wichtig, weil abhängig davon wie dein Verdienst ist, kann dann auch ein Angebot erfolgen.“
„Meine Güte, hätte ich gewusst, was alles auf mich zu kommt, hätte ich das wohl nicht auf mich genommen.“
„Ach, so schlimm ist das nicht. Glaub’ mir. Und so schlimm bin ich jetzt auch nicht“.
„Nein, ganz im Gegenteil.“
„Wie meinst du das?“
„Ich hätte nie gedacht, dass so eine wie du vor meiner Tür steht.“
„Was genau meinst du damit? So eine wie ich?“
„Du hast mich eben total umgehauen“, sagte er auf einmal unerwartet.

Verlegen fragt Johanna: „Wie meinst du das, ich habe dich umgehauen?“
Er antwortet: „Das wollte ich jetzt nicht so sagen, aber als ich die Tür öffnete und dich sah, dachte ich mir, dass heute mein Glückstag zu sein scheinen mag.“
Lächelnd entgegnet Johanna: „Das dachte ich auch, als du die Tür geöffnet hast. Nichtsdestotrotz denke ich, sollten wir uns lieber dem Geschäft widmen.“
„Einverstanden.“
„Also, was bekommst du netto im Monat?“
„Ungefähr zweitausend Euro.“
„Ich gehe mal von einem Fixkostensatz von tausend Euro im Monat aus.“
„Das kommt ungefähr hin. Woher weißt du sowas?“
„Die meisten meiner Kunden haben im Durschnitt so einen Kostensatz.“

Wieder verinnerlicht sich Jacob in diesem Moment, wie schade es eigentlich sei, dass sie eine Prostituierte ist. Sie ist so reizend und drückt sich gut aus. Bedauerlicherweise sind einige für Geld über sie drüber gerutscht. Nach seiner kurzen gedanklichen Abwesenheit sagt Jacob zu ihr:
„Das alles hat wohl leider seinen Preis.“
„So ist es im Leben. Nun, diese Lebensversicherung hat im Gegensatz zu anderen viele Vorteile, weil sie staatliche Prämien miteinschließt. Vor allem wenn du dann noch eine Riester-Rente abschließt, erhältst du für die Riester-Rente eine doppelte Prämie. Außerdem genießt bei uns den Vorteil, dass du hohe Zinssätze bekommst.“

Das bringt Jacob völlig durcheinander und er fragt sich: „Will sie mir jetzt eine Versicherung verkaufen oder ihren Körper? Macht sie jetzt ein Rollenspiel, das ich mitspielen muss?“
Für einen Moment herrscht Stille. „Habe ich etwas falsches gesagt?“, fragt Johanna.
„Nein“, sagt Jacob und denkt sich: „Na gut, du Hure. Du willst spielen? Dann spiele ich mit.
„Ich habe mich gerade gefragt, warum du mir so einen Scheiß verkaufen willst“, sagt Jacob sehr forsch. Leicht schockiert reagiert Johanna: “Das, was ich dir verkaufen will, ist kein Scheiß. Ich will dir lediglich nur für dein Rentenalter eine Vorsorgeoption bieten.“
„Na, wenn das so ist, dann sag’ mir doch wo der Garantiezinssatz liegt?“
„Wir bieten einen Garantiezinssatz von 4,5 %.“
„Du hast mich falsch verstanden. Ich will nicht wissen, was ihr für einen Garantiezinssatz gibt, sondern was der Gesetzgeber für einen Garantiezinssatz gibt.“
Johanna wird ein bisschen unsicher, weil sie darüber nichts gelernt hat.
„Das kann ich dir nicht wirklich sagen. Allerdings weicht der nicht so sehr von unserem Garantiezins ab.“
„Bist du sicher?“
„Ich denke schon.“
„Eine gute Zeit lang habe ich mich mal mit den Finanzmärkten und Finanzprodukten beschäftigt. Daher weiß ich, dass der Garantiezinssatz grad bei 0,9 % liegt. Dabei lag er letztes Jahr bei 1,25 % und im Jahr 2012 lag er noch 1,75 %. Das heißt also, bei einer jährlich fortlaufenden Inflationsrate von 2% habe ich sicherlich Verluste, sodass ich wahrscheinlich nach Ende der Vertragslaufzeit weniger Geld bekomme, als ich eingezahlt habe. Hinzuzufügen ist noch, dass wenn es mal zu einer Krise oder ähnliches kommt, ist in euren vertraglichen Regularien schon folgendes festgesetzt: Eure Verluste sind auch meine Verluste. Wobei ihr am Ende noch besser da steht als ich.“

Anlässlich der Finanzpredigt von Jacob stellt sich Johanna in Angriff, was eigentlich nicht ihr Art ist. „Du kommst mir auf diese Tour, du Wichser. Jetzt wirst du sehen, was du davon hast“, denkt sich Johanna.

„Du siehst mich an und magst dir wohl denken, dass ich ein naives Weib sei. Denkst du ich wisse nicht, was für eine Scheiße hier abläuft? Wir hatten im Jahr 2012 über sechs Millionen Tonnen an Lebensmitteln weggeworfen, während andere Menschen in anderen Ländern an Hunger leiden. Was soll denn hier bitteschön für eine Krise eintreten? Ein Sinneswandel sich doch nicht mehr der Völlerei zu geben? Wir sind doch aktuell in einer Krise.“
„Wie ich sehe bist zu ethischen Gedankengängen fähig. Das finde ich recht interessant. Doch wie kommt es, dass du –obwohl du offenbar gewisse moralische Werte hast- solche Versicherungen verkaufst? Theoretisch gesehen, kann diese Arbeit jeder Zuhälter, geschweige dem, jede Prostituierte genauso gut machen wie du.“
Mit diesem Satz denkt sich Jacob sie in die Ecke gedrängt zu haben, damit sie schlussendlich mit ihrer Schauspielerei aufhört und schicklich ihren Körper anbietet, was er wohl danach ablehne, weil er keine großartige sexuelle Erregung mehr hat. „Dann denkt man sich einmal ‚Jetzt zahl ich eine Nutte, habe kurz meinen Spaß und kann mich wieder meinen Alltag zuwenden’, und dann kommt so eine Scheiße bei raus.“

„Dass du mich jetzt mit einer Prostituierten gleichsetzt, finde ich nicht fair. Das hier mache ich nicht aus hundertprozentiger Überzeugung, sondern weil ich es machen muss, um mir meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Vergegenwärtige dir bitte mal die Krise 2008. Denkst du hier in Deutschland gab es keine Leidtragenden? Damals machte ich eine Ausbildung zur Optikerin. Der Betrieb, in dem ich arbeitete, hatte ihre Konten und die ganzen Ersparnisse bei der Lehmann Brothers-Bank deponiert. Die Pleite der Bank bedeutete auch die Pleite des Optikers. Für mich hieß es, dass ich die Ausbildung nicht weiterführen konnte“.
„Warum nicht? Die Kammern müssen dir doch einen neuen Ausbildungsplatz besorgen.“
„So leicht funktioniert das nicht. Man muss ohne Ende Anträge stellen und sie haben mich nicht zu einem anderen Optiker vermittelt. Zu der Zeit wohnte ich auch noch mit meinem Ex-Verlobten zusammen, der mir sagte, ich brauche die Ausbildung nicht und ich solle mir keine Sorgen machen, da er sich um mich kümmere. Zugegebenermaßen konnte ich mich schnell für die klassische Hausfrau-Rolle begeistern lassen und sie auch umsetzen. Nur es ist so, dass auch viele Hausfrauen von ihren Männern betrogen werden. Nun sitze ich vor dir und biete die diese Produkte an.“
„Deshalb kannst du also auch gewissenhaft diese Versicherungen verkaufen?“, fragte Jacob mit einem gefälligen Lächeln.

Diese Frage zürnte Johanna so sehr, dass sie aufstand und anfing mit Andrang auf ihn einzureden.
„Was soll das ganze hier? Erst empfängst du mich total freundlich und sagst, ich habe dich umgehauen. Dann mutierst zum Arschloch. Egal was ich mache, ich mache es falsch. Vorhin dachte ich wirklich du bist anders, als die anderen da draußen. Dabei bist du genau wie sie. Du kennst mich gar nicht und verurteilst mich. Hast du eine Ahnung, was es für eine Frau ohne Ausbildung heißt, auf dem Arbeitsmarkt nach Stellen zu suchen? Irgendwelche Mindestlohnarbeiten machen zu müssen oder bei Leihfirmen zu arbeiten, war nicht grad die beste Option für mich. Lieber arbeite ich erst mal für diese Versicherungsgesellschaft, lege mir gutes Geld zur Seite und kann dann immer noch in einen anderen Vertrieb einsteigen. Aber du siehst mich an, denkst dir wahrscheinlich, dass du hier ein Opfer siehst, welches du grad mal fertigmachen kannst und selbstgefällig davon bei deiner Arbeit erzählen kannst. Nicht mit mir. Ich gehe jetzt!“

Verblüfft von ihrer Weiblichkeit sowie von der Art und Weise in der sie eben auf ihn einredete, steht er auf und bittet sie doch zu bleiben. Tatsächlich schafft er es sie zu beruhigen, indem er oft sagte, wie sehr es ihm leidtue, so mit ihr geredet zu haben und sie nicht kränken wollte. „Warum will ich sie bei mir halten? Ich hätte sie loswerden können. Was ist bloß los mit mir? Was passiert hier?“, fragt sich Jacob.

„Hör zu, versteh’ mich nicht falsch. Ich wollte dich nicht kränken oder so. Weißt du wie oft man versucht hat mich zu werben für Versicherungen? Hätte ich mich nicht ein bisschen informiert, würde ich jede wohl jede Art von Versicherung machen. Du hättest mir wahrscheinlich auch früher oder später eine Risikounfallversicherung vorgeschlagen. Und bitte sag mir jetzt nicht, dass das ein gutes Produkt ist. Das ist wie eine Wette gegen mich selbst.“, sagt er zu ihr.

Sie lächelt und sagt: „Ja, die wollte ich dir tatsächlich auch andrehen. Ich kann dich auch verstehen. Versuch aber auch mal mich zu verstehen. Die meisten meiner Kunden sind so welche, die spanisches Bio-Gemüse kaufen, auf Demos gegen Monsanto gehen und trotzdem ein iPhone haben. Ich denk mir: Wenn die nicht wissen wohin mit ihr Geld, warum sollte ich dann auch nicht von ihnen profitieren?“
„Das kann ich wirklich ein bisschen nachvollziehen. Vielleicht würde ich an deiner Stelle das gleiche machen. Weißt du, meine Ex-Freundin ist mit so einem Typen, wie du eben beschrieben hast, zusammen. Wenn du so einen mit deinen Versicherungen ausnehmen würdest, wäre das für mich völlig in Ordnung.“

Johanna lacht.

„Ist das alles hier Zufall?“, fragt Jacob.
„Was soll Zufall sein?“
„Dass du vor meiner stehst und wir so ein Gespräch führen.“ Inzwischen glaubt Jacob nicht mehr daran eine Prostituierte vor sich sitzen zu haben. Zumindest keine typische. Weiter spricht er:
„Vorhin habe ich dich mit einer Prostituierten gleichgestellt. Im Grunde genommen bin ich auch eine Prostituierte. Die meisten Menschen sind Prostituierte.“
„Wie meinst du das?“
„Wer macht schon wirklich die Arbeit, die er liebt zu tun. Die meisten haben eine Arbeit. Ihre Arbeit ist aber nicht ihr Beruf. Damit meine ich: Die meisten machen nicht das, wozu sie berufen sind. Deshalb war es auch unfair, wie ich mit dir gesprochen habe.“
„Ist schon in Ordnung. Vielleicht sollte ich jetzt auch besser gehen.“
„Nein, warte einen Moment. Ich koche noch einen Kaffee. Willst du nicht sitzenbleiben und mir noch ein bisschen plaudern?“
„Hmm, mein nächster Termin ist erst in 2 Stunden. Ich könnte ja noch ein bisschen bleiben.“
„Warum erst so spät?“
„Ich nehme mir immer Zeit für meine Kunden.“

„Was mache ich hier nur? Ich flirte mit einer Prostituierten. Sie muss doch eine Prostituierte sein. Warum sollte sich denn zweieinhalb Stunden Zeit für mich nehmen? Soll ich sie fragen, ob sie nun mit mir schlafen will? Wie viel kostet sie wohl? Ist sie jetzt eine Prostituierte oder nicht? Oder ist sie nur eine Versicherungsvertreterin? Vielleicht ist auch wirklich beides. Ach, ist doch auch egal! Sie kommt schon auf ihre Kosten, wenn sie bei ihrem nächsten Kunden ist. Dem verkauft sie dann entweder ihren Körper oder eine Versicherung.“, denkt sich Jacob, während er ihr den Kaffee zubereitet.

Johanna spricht: „Weißt du, du bist wirklich anders als meine anderen Kunden. Vorhin fragtest du mich, wie es mit den Zinsen im Krisenfall aussieht. Die meisten denken gar nicht daran, dass es in Zukunft eine Krise geben könnte.“
„Du hast doch gar nicht so schlecht gegenargumentiert. Unsere Lebensmittelverschwendung ist auch eine Katastrophe.“
„Mag sein. Allerdings heißt es auch, dass wir einen Überschuss an Nahrung haben. Das könnte für eine kommende Krise vielleicht für ein bisschen Ausgleich sorgen.“
„Was für eine Krise soll denn deiner Meinung nach noch kommen?“
„So eine wie 2008 in den USA. In Deutschland redet man doch immer von einem Wohnungsmangel. Kann das wirklich so sein? Ein Wohnungsmangel? Im Jahr 2014 kamen erstmals viele Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien. Anschließend folgte auch eine enorme Zuwanderung aus anderen Ländern. Im selben Jahr hatte die EZB den Leitzins auf null Prozent gesetzt. Warum auf einmal? Es kommen viele Leute hier her, die sich sowieso keinen Kredit nehmen können. Das heißt: Gewisse Leute hier in Europa können davon profitieren günstige Kredite zu nehmen. Weißt du, was es heißen würde, wenn auf einmal Mario Draghi auf die Idee kommt den Leitzins auf zwei oder drei Prozent zu setzen?“
„Wahrscheinlich, dass viele Leute Zahlungsunfähig werden.“
„Exakt! Plötzlich gäbe es eine geplatzte Investmentblase. Hältst du das für unwahrscheinlich?“
„Nein, ganz und gar nicht. Das ist auch der Grund, warum ich auch nie eine Lebensversicherung oder auch eine Riesterrente in Anspruch nehmen würde. Wenn überhaupt, dann würde ich eine Haftpflichtversicherung in Anspruch nehmen.“
„Hast du keine?“
„Nein.“
„Das ist aber wichtig. Das sage ich jetzt nicht, weil ich sie dir verkaufen will. Die Provision für eine Haftpflichtversicherung ist ohnehin sehr gering. Solltest du irgendetwas mal irgendwo versehentlich kaputt machen, zum Beispiel, weil du dich im Kaufhaus irgendwo angelehnt hast und ein Fernseher runterfällt, dann haftest du privat.“
„Ja, das weiß ich und ich hatte lange überlegt mir eine Haftpflichtversicherung zu machen. Unerklärlicherweise habe ich bislang immer noch keinen Vertrag abgeschlossen.“
„Dann schließ’ doch jetzt einen Vertrag ab.“
Johanna zeigt ihm die Konditionen des Vertrages. Offenbar ist es für Jacob noch im legitimen Rahmen so eine Versicherung abzuschließen. Zwar gibt sie ich einen Vertrag, den er unterschreibt, doch der eigentliche Vertrag ist ein anderer. Ein Vertrag, der sie beide bindet.

„Hier hast du meine Visitenkarte“, sagt Johanna. „Falls du Fragen haben solltest, kannst du mich jederzeit unter dieser Nummer erreichen.“
Er bringt sie zur Tür. Sie verabschiedet sich und legt ihm noch einen finanziellen Tipp ans Herz:
„Hör mal, ich will dir jetzt nichts Weiteres verkaufen, zumal ich es dir ohnehin nicht anbieten kann. Das Geld wird immer mehr elektronisiert. Ich selbst kaufe mir Bitcoins. Ich kann dir, außerhalb meiner Verkäuferrolle, davon raten, dir welche zu kaufen.“
„Danke für den Tipp!“
„Auf Wiedersehen!“, sagte sie mit einem verlegenden Lächeln.

Zuhause auf seiner Wohnzimmercouch lässt dich Jacob alles Revue passieren, was vorhin passiert ist. „Vielleicht sollte ich mal anrufen und zum Essen ausführen.“

Im nächsten Moment klingelt es an der Tür. Jacob hofft, dass sie zurückkommen ist und geht heiter zur Tür, um sie zu öffnen. Er sieht eine Frau mit enger Kleidung, hohen Schuhen und einer Zigarette in der Hand. Mit einem östlichen Akzent sagt sie zu ihm: „Hallo Süßer, ich bin Alexa. Du hast mich für ein paar nette Stunden hierher bestellt.“
„Du heißt Alexa? Machst du Witze oder habe ich dich etwa bei Amazon bestellt?“
„Ich merk schon, wir werden sehr viel Spaß miteinander haben“, sagt sie zu ihm und streichelt ihn mit ihrer von künstlichen fingernagelversehenen Hand an seiner Wange.
Angewidert stößt er ihr die Hand weg und sagt: „Tut mir leid. Ich habe es mir anders überlegt. Ich möchte deine Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen. Du kannst wieder abhauen.“
„Hey Süßer, ich lass mich nicht so abwimmeln. Die Fahrt hier her hat kostet dich schon 20€.“

Wütend, aber auch rücksichtlich, greift er zu seiner Geldbörse, entnimmt einen 20€-Schein und drückt es ihr in die Tasche. „Hier, das kompensiere ich dir. Und jetzt verschwinde.“

Sie packt sich das Geld in ihrem Ausschnitt und sagt: „Schade, dich hätte ich mit Vergnügen beglückt“. Er macht die Tür zu und setzt sich wieder auf die Couch. Sehr erfreut darüber, dass er doch nicht mit einer Prostituierten geschlafen hat, kommt ihm Johanna in den Sinn.

„Sie kam gerade richtig. Sie war genau das, was ich gerade brauchte. Ich habe mir eine Prostituierte bestellt und stattdessen kam ein Mensch. “